„Ich war eine sonderbare, sonnige Person“

Eine Annäherung an den Starchoreografen MARTIN SCHLäPFER- im Gespräch mit Bettina Trouwbourst

Ein aussergewöhnliches Buch über einen aussergewöhnlichen Künstler – empfehlenswert für alle, die den gefeierten Ballettdirektor Martin Schläpfer genauer kennen lernen möchten.

Der gebürtige Schweizer spricht detailliert mit der Kulturjournalistin über seine Karriere als Tänzer, Pädagoge, Choreograf und Ballettdirektor. Gerade feierte Martin Schläpfer seine Abschied als Chefchoreograf und Künstlerischer Direktor des Ballett am Rhein Düsseldorf Duisburg. Ab 1. September 2020 übernimmt er die Leitung des renommierten Wiener Staatsballetts – eine gewaltige Herausforderung!

Martin Schläpfer vor dem Balletthaus, Düsseldorf 2018 © Markus Feger

Bettina Trouwborst beschreibt Martin Schläpfer als eine enorm vielseitige Persönlichkeit: „gelassen, schweizerisch ruhig, dabei „sonnig“- wie er sich selbst gern ausdrückt, burschikos, bisweilen folkloristisch, aber genauso politisch, intellektuell, auch schon mal aufbrausend und provokant.“

Das Buch besteht aus verschiedenen Interviews, in neun Kapiteln zusammengefasst:
Vom Biobauern zum Meisterchoreografen
Tanzen und Choreografieren
Publikum, Presse, Privatleben
Was die Menschen bewegt
Musik, Sprache, Bilder
Künstliche Intelligenz und Menschsein
Bildende und darstellende Kunst
Gute Länder, schlechte Länder
Blick zurück und Blick nach vorn

Martin Schläpfer gilt als einer der innovativsten Choreografen. Aufgrund seiner klassischen Ballettausbildung und hohen Musikalität ist es ihm gelungen, eine eigene, zeitgenössische Bewegungssprache zu entwickeln. „Ein Ballett darf für mich hadern, unbequem sein, aber es sollte immer auch aus der Realität hinausweisen, das Poetische suchen. Ich mag nicht so gerne Ballette, die uns nur als moderne, coole Menschen zeigen, also den Tänzer als Menschen seiner Generation – sie verlassen mich schnell.“

Martin Schläpfer mit So-Yeon Kim während einer Probe zu »Ulenspiegeltänze«, Düsseldorf 2019
© Ingo Schaefer

Schläpfer’s Karriere verlief nicht gradlinig. Es brauchte Phasen der Selbstfindung, um seine kreative Arbeit voranzutreiben. Als einfühlsamer Künstler sucht er Widerstände, Reibungen und Auseinandersetzungen. „Das Leiden und der Schmerz in meinem Herzen mussten einfach sein – ich habe es zum Glück überlebt und bin recht glücklich, dankbar und lebensfähig geworden.“

Martin Schläpfer als junger Tänzer im New Yorker Studio des legendären Künstlerfotografen Jack Mitchell © Jack Mitchell Archives

Auch in Wien wird sich Martin Schläpfer hinterfragen und nicht schnell zufrieden geben. „Ich muss in Wien nicht glücklich werden. Ich bin auch in Bern und Mainz nicht glücklich gewesen und in Düsseldorf auch nicht. Ich bin glücklich im Beruf und brauche keinen bestimmten Ort, um erfüllt zu sein. Ich bin auch dankbar für alles. Ich glaube, als Künstler kommst du nie an. Du bist immer im Feld der nächsten Aufgabe und Fragestellung. — Jetzt habe ich erst einmal meinen Vertrag möglichst gut zu erfüllen. Wien als ein wirklich wichtiger Ort für den Tanz – das wäre mein Traum. Darunter setze ich nicht an.“

HIER EIN ERSTER EINDRUCK vom Buch Leseprobe

Schwanensee

Der kurzen Trailer zeigt Einblick in Martin Schläpfer’s Schwanensee. Diese Neuinterpretation hat mich sehr beeindruckt.

b.36 – Schwanensee im Opernhaus Düsseldorf http://www.ballettamrhein.de

b.36 – Schwanensee

Schwanensee (Uraufführung) Martin Schläpfer
Musik: „Schwanensee“ op. 20 von Peter I. Tschaikowsky
Choreographie: Martin Schläpfer
Musikalische Leitung: Axel Kober
Bühne & Kostüme: Florian Etti
Licht: Stefan Bolliger
Dramaturgie: Anne do Paço
Symphoniker Besetzung der Premiere am 8. Juni 2018 – Opernhaus Düsseldorf http://www.ballettamrhein.de

Biografie – Quelle operamrhein.de

Martin Schläpfer, geboren in Altstätten (Schweiz), studierte Ballett bei Marianne Fuchs in St. Gallen und an der Royal Ballet School in London. Zu seinen wichtigsten Lehrern gehören Maryon Lane, Terry Westmoreland, David Howard, Gelsey Kirkland und Peter Appel. 1977 wurde er von Heinz Spoerli ins Basler Ballett engagiert, wo er schnell zu einem der charismatischsten Solisten avancierte. Ein Engagement ins Royal Winnipeg Ballet führte ihn außerdem für eine Spielzeit nach Kanada. Mit der 1990 in Basel gegründeten Ballettschule Dance Place schuf er eine erste Basis für seine intensive tanzpädagogische Arbeit, die er durch Studien bei Anne Woolliams in Zürich ergänzte. Außerdem nahm er Musikunterricht bei Harriet Cavalli. 1994 gründete er die Stiftung „Visions of Dance“. 

Mit seiner Ernennung zum Direktor des Berner Balletts begann 1994 Martin Schläpfers intensive Arbeit als Choreograph und Ballettdirektor. Seine bisherigen Ensembles – das Berner Ballett (1994 bis 1999), ballettmainz (1999 bis 2009) sowie das Ballett am Rhein Düsseldorf Duisburg (seit 2009) – formte er in kürzester Zeit zu Compagnien, deren Unverwechselbarkeit von der internationalen Presse, zahlreichen Auszeichnungen sowie einem großen Publikumszuspruch bestätigt wurde. Das Ballett am Rhein etwa wurde zuletzt viermal in Folge zwischen 2013 und 2017 von der Kritikerumfrage der Zeitschrift tanz zur „Kompanie des Jahres“ gewählt. 

Martin Schläpfers choreographisches Schaffen umfasst über 70 Werke, die für seine Ensembles entstanden. Außerdem schuf er Uraufführungen für das Bayerische Staatsballett München, Het Nationale Ballet Amsterdam und 2020 für das Stuttgarter Ballett. Das Ballett Zürich zeigte sein „Forellenquintett“. Mit der BallettCompagnie Oldenburg waren seine Choreographien „Quartz“, „Ramifications“ und „Violakonzert“ zu sehen. Mit Jean-Philippe Rameaus „Castor et Pollux“ an der Deutschen Oper am Rhein übernahm er 2011/12 erstmals auch eine Opernregie. 2012 kehrte Martin Schläpfer für Hans van Manens Pas de deux „The Old Man and Me“ als Tänzer auf die Bühne zurück, 2014 kreierte der Niederländer für ihn als Solisten die Uraufführung „Alltag“. 2017 war er als Choreograph und Pädagoge an Canada’s National Ballet School in Toronto zu Gast.

Nachdem er 1977 den Prix de Lausanne als „Bester Schweizer Tanzer“ gewonnen hatte, folgten für den Choreographen und Direktor Martin Schläpfer zahlreiche Auszeichnungen, darunter der Kunstpreis des Landes Rheinland-Pfalz (2002), der Tanzpreis der Spoerli Foundation (2003), der Prix Benois de la Danse (2006), die Gutenbergmedaille der Stadt Mainz (2009), der Theaterpreis der Düsseldorfer Volksbühne (2012) sowie 2009 und 2012 der deutsche Theaterpreis Der Faust. 2013 erhielt Martin Schläpfer den Schweizer Tanzpreis und 2014 den Taglioni – European Ballet Award in der Kategorie „Best Director“ durch die Malakhov Foundation. 2014 wurde er von center-tv zum „Düsseldorfer des Jahres“ gewählt. Sein abendfüllendes Ballett „DEEP FIELD“ auf eine Auftragskomposition von Adriana Hölszky war für den Prix Benois de la Danse 2015 nominiert, im November 2015 erhielt er als dritter Choreograph nach Hans van Manen und Pina Bausch den Musikpreis der Stadt Duisburg. Das Magazin tanz kürte ihn 2010 zum „Choreographen des Jahres“, 2018 und 2019 folgte dieselbe Auszeichnung durch die Kritikerumfrage der Zeitschrift Die Deutsche Bühne. Seit 2017 ist Martin Schläpfer Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und Künste. 2018 wurde er mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet, 2019 folgte die Ehrung mit dem Großen St. Galler Kulturpreis.

Mehrere Choreographien Martin Schläpfers wurden fürs Fernsehen (ZDF/Theaterkanal, 3sat, arte, SWR, WDR, SRF) aufgezeichnet. In der Regie von Annette von Wangenheim entstand für arte/WDR und das Schweizer Fernsehen SRF das Filmporträt „Feuer bewahren – nicht Asche anbeten“, das 2016 auch im Kino zu sehen war und auf DVD vorliegt. 2019 erschien eine für arte/WDR/3sat entstandene Aufzeichnung seines Balletts „Schwanensee“ auf DVD.

Autor: ballettlovers

I danced ballet as child, albeit with little success. Despite this, my passion for ballet and dance has carried into adulthood. I still love to watch ballet performances and would love to share my passion with you.

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