Ballett braucht das perfekte Licht

Interview mit Martin Gebhardt, Lichtgestalter am Opernhaus Zürich

Seit Spielzeit 2012/13 ist Martin Gebhardt Leiter der Beleuchtung und verantwortlich für die Lichtgestaltung vieler Inszenierungen. 

Wann kommt der Lichtgestalter bei einer Neuproduktion ins Spiel?

Das ist ein langer Prozess. In der Konzeptionsphase überlegt sich der Choreograf mit der Kostümbildnerin und dem  Bühnenbildner das Gesamtkonzept für sein neues Werk und bespricht diese Ideen mit mir. Dabei werden grundlegende Fragen der Umsetzbarkeit und Machbarkeit geklärt. Grundsätzlich arbeiten wir sehr eng als Team zusammen. Nach nunmehr 7 Jahren Zusammenarbeit mit dem Ballettdirektor Christian Spuck besteht eine grosse Vertrautheit. Ich weiss, welche Erwartungen Christian an das Licht hat, wie er sich die Umsetzungen seiner Ideen vorstellt und welche Voraussetzungen erfüllt werden müssen. 

Bei der Produktion WINTERREISE wurde das Konzept mit den installierten kalt- und warmweissen LED-Stangen ein Jahr vor der Premiere im Team diskutiert und planerisch festgelegt.

Ballett Zürich – Winterreise – 2018/19 © Gregory Batardon

In dieser Planungsphase beginnt die Feinarbeit zwischen dem Choreografen, dem Kostüm- und dem Bühnenbildner. Steht das Konzept, beginnt für mich und den Bühnenbildner die Arbeit, das Lichtkonzept architektonisch zu lösen und die Einbauten zu planen. 6 Monate vor der Premiere stellen wir Christian unser Endresultat vor. 

Sobald die neue Choreografie im Ballettsaal einstudiert wird, startet die detaillierte Ausarbeitung des Lichtkonzepts.  3-4  Wochen vor der Premiere erfolgt die erste technische Einrichtung auf der Bühne. Jetzt zeigt sich, ob Theorie und Praxis voneinander abweichen.

Bei der ersten kompletten Bühnenprobe, die sogenannte Klavierhauptprobe, ca. 2 Wochen vor der Premiere, sehen wir das Gesamtwerk im Zusammenspiel von Choreografie, Kostümen, Bühnenbild und Licht das erste Mal komplett.  Bis zur Premiere erfolgen ständige Änderungen und Anpassungen,  bis das Gesamtkunstwerk vollendet ist und allen Ansprüchen genügt. 

Was sind die Herausforderungen Deiner täglichen Arbeit?

Wir sind ein Repertoirehaus mit derzeit 50 Produktionen pro Spielzeit; also 50 hauseigene Produktionen für Opern, Ballette und Konzerte, die über Jahre im Repertoire bleiben und somit immer wieder gespielt werden. Ausserdem spielen wir fast jeden Tag eine andere Oper oder Ballettaufführung, was aufwändige tägliche Umbauarbeiten mit sich bringt.

Somit stehen wir immer unter Zeitdruck. Licht ist immer das letzte Glied in der Ablaufkette. Für jede Vorstellung werden ca. 4 Stunden Einrichtungszeit im Repertoirebetrieb inklusive Aufbau und Einleuchten einkalkuliert. Da bleiben dann oft nur letztendlich 60 Minuten um alle Scheinwerfer zu fokussieren und um alle gespeicherten Presets der beweglichen Scheinwerfer abzurufen.

Ballett Zürich – Winterreise – 2018/19 © Gregory Batardon

Durch die vielen Auf- und Abbauten müssen die Scheinwerfer vor jeder Vorstellung aufgebaut, eingehängt und überprüft werden, denn jeder Zentimeter Differenz im Schnürboden kann in der Relation einen halben Meter auf der Bühne ausmachen. 35 % der Scheinwerfer beim Ballett werden manuell eingerichtet. Dafür sind Positionen im ganzen Bühnenhaus notwendig, die von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der Beleuchtung betreut werden. 

Unsere Arbeit ist sehr personalintensiv und wir arbeiten im Schichtbetrieb. Mein 35-köpfiges Beleuchtungsteam besteht aus 3 Beleuchtungsmeistern, 1 Assistentin, 3 Teams mit jeweils 8 Beleuchtern, 3 Mitarbeitern in der Elektro- und Lichtwerkstatt, 2 Lichtinspizienten und 2 Videotechnikern. 

Meine Aufgabe ist es, das Licht zu setzen und zu gestalten, das Personal zu disponieren und sicherzustellen, dass bei der Vorstellung alles perfekt funktioniert, mit allen planerischen Elementen die dazugehören ein Haus dieser Grössenordnung im Bereich Licht und Video zu führen. Auch für die umfangreiche Modernisierung der kompletten Lichttechnik im Opernhaus bin ich mit meinem Team verantwortlich. 

Wie wird das Licht gemacht? 

Gesamtlichtplan vom Opernhaus Zürich

©Martin Gerhardt, Opernhaus Zürich

Auf der Abbildung ist der Lichtplan des Opernhauses mit allen festeingebauten und somit fixen Beleuchtungseinbauten zu sehen. Für jede Vorstellung wird das zusätzlich benötigte Licht-und Videoequipment  aufgebaut und eingehängt. Lichttechnisch sind wir im europäischen Vergleich durch verschiedenste Entwicklungsprozesse und ständige Entwicklungsarbeit auf einem sehr gutem Stand.  Die CAD-Software Vectorworks Spotlight ermöglicht uns zeichnerisch alles zu dokumentieren. 

Für eine Ballettproduktion benötigen wir oft sehr viel Licht, durchschnittlich 150-200 Scheinwerfer, meist multifunktional. Sogenannte Verfolger, also Scheinwerfer die händisch bedient werden und die Solisten herausheben, setzen wir kaum noch ein.

Ist das Licht beim Ballett anders als bei der Oper? 

Beim Ballett und Tanz benutzen wir heute oft leere, meist schwarze Räume. Da braucht es viel Licht. Die modernen Produktionen haben meist wenig Dekoration. Somit bekommt das Licht einen grossen Stellenwert. 

Christian Spuck und auch die meisten modernen Choreografen bevorzugen wenig Farben, nur Farbnuancen, Mischungen aus warm und kalt, die richtig eingesetzt  viele Zwischentöne ergeben können. Satte Farben wie Blau, Rot oder Grün werden separat kaum noch eingesetzt. Schlichtheit ist heute angesagt.

Ballett Zürich – Winterreise – 2018/19 © Gregory Batardon

Sind die heutigen technischen Möglichkeit Fluch oder Segen?

Sicherlich beides. Die Veränderungen der letzten 10 Jahren haben es möglich gemacht, sehr viel mehr Anforderungen und künstlerische Aspekt zu erfüllen. Fast alles ist möglich, was aber auch die Vorarbeit viel komplexer macht.

Ich muss alle Scheinwerfertypen für unser Repertoire für 10 Jahre erhalten, was Beschaffung, Lagerung und die damit verbundenen Investitionen komplex macht. Denn ein Stück soll in 10 Jahren noch genauso aussehen wie heute. Somit müssen unsere heutigen Entscheidungen auch für das nächste Jahrzehnt die richtigen sein und gelten.

Der Qualitätsanspruch im Opernhaus ist enorm. Christian Spuck ist bei fast jeder Vorstellung anwesend und bespricht seine Änderungswünsche, die sich im Laufe der Jahre ergeben, mit mir. So bleiben die Repertoirestücke auch lichttechnisch lebendig und werden im Laufe der Zeit immer leicht angepasst.

Wie werden die Lichtstimmungen aufgeschrieben?

Die meisten Sachen habe ich visuell im Kopf. Ich kann Stimmungen bildlich abrufen. Während der Vorstellungen sind unsere beiden Lichtinspizienten für den exakten Lichtstimmungsablauf verantwortlich. Sie geben die manuellen Startanweisungen der sogenannten Lichtcues am Lichtpult, die im Klavierauszug festgehalten wurden. Sämtliche Dokumentationen der einzelnen Scheinwerfer und den Presets der beweglichen Scheinwerfer, inkl. Farben und elektrischen Anschlüsse sind in der Verantwortung des jeweiligen Beleuchtungsmeisters. Je nach Vorstellung kann eine sogenannte „Beleuchtungsbibel“ schnell einmal 50-80 Seiten umfassen. Damit ist gewährleistet, dass alle Vorstellungen im gleichen Licht erstrahlen.

© Martin Gebhardt, Klavierauszug mit Lichtcues

Biografie Martin Gebhardt

Martin Gebhardt war Lichtgestalter und Beleuchtungsmeister bei John Neumeiers Hamburg Ballett. Ab 2002 arbeitete er mit Heinz Spoerli und dem Ballett Zürich zusammen. Ballettproduktionen der bei­den Compagnien führten ihn an re­nom­mierte Theater in Eu­ro­pa, Asien und Amerika. Am Opernhaus Zürich schuf er das Lichtdesign für Inszenie­run­gen von Jürgen Flimm, Grischa Asagaroff, Matthias Hartmann, David Pountney, Moshe Leiser/Patrice Caurier, Da­miano Mi­chie­letto und Achim Freyer. Bei den Salzburger Festspielen kreierte er die Lichtgestaltung für La bohème und eine Neufassung von Spoerlis Der Tod und das Mädchen. Mit Christoph Mar­tha­ler und Anna Viebrock arbeitete er beim Händel-Abend Sale und Rossinis Il viaggio a Reims zusammen. Seit der Spielzeit 2012/13 ist Martin Gebhardt Leiter des Beleuchtungswesens am Opernhaus Zürich. Eine enge Zu­sam­men­arbeit verbindet ihn heute mit dem Choreografen Christian Spuck (Anna Karenina, Woyzeck, Der Sandmann, Sonett, Leonce und Lena, Paysage obscure). In jüngster Zeit war er ausserdem Lichtdesigner für die Choreografen Alexei Ratmansky, Wayne McGregor, Marco Goecke, Douglas Lee und Edward Clug.

Autor: ballettlovers

I danced ballet as child, albeit with little success. Despite this, my passion for ballet and dance has carried into adulthood. I still love to watch ballet performances and would love to share my passion with you.

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